– doch nicht alle Gewerke finden ausreichend Nachwuchs. Warum das Handwerk gerade im ländlichen Raum große Chancen bietet und welche Berufe besonders gefragt sind.
ODENWALDKREIS. Das Handwerk im Odenwaldkreis blickt mit Zuversicht auf die Entwicklung der Ausbildung. Nach dem Einbruch während der Pandemie haben sich die Zahlen schnell erholt – insbesondere im ländlichen Raum. Gleichzeitig zeigt sich ein differenziertes Bild: Während der Kfz-Bereich nach wie vor besonders beliebt ist und Elektro- sowie Sanitärberufe deutlich an Bedeutung gewinnen, kämpfen andere Gewerke mit erheblichen Nachwuchsproblemen.
„Die Zahlen haben sich seit der Pandemie schnell erholt. Gerade im ländlichen Raum war diese positive Entwicklung besonders deutlich zu beobachten,“ stellt Harald Buschmann, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, fest.
Für Jugendliche, die noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind, könnte sich deshalb eine direkte Kontaktaufnahme mit den Betrieben lohnen. Denn längst nicht jede Ausbildungsstelle wird über klassische Wege vergeben. Häufig zählt der persönliche Eindruck – und manchmal kann genau dieser sogar dazu führen, dass ein Betrieb einen zusätzlichen Ausbildungsplatz schafft.
Kfz bleibt Spitzenreiter – Zukunftstechnologien gewinnen an Bedeutung
Unangefochten an der Spitze der Beliebtheit steht weiterhin der Kfz-Bereich. Die Faszination für Autos ist bei jungen Menschen offenbar ungebrochen. Gleichzeitig verändert sich das Berufsbild grundlegend. Digitalisierung und neue Technologien halten zunehmend Einzug in die Werkstätten.
Besonders dynamisch entwickeln sich die Elektro- und Sanitärgewerke. Sie stehen exemplarisch für Handwerksberufe, die bei der Anpassung an den Klimawandel und bei der Gestaltung der Energieversorgung der Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Neue Heizsysteme, Smart Home, moderne Gebäudetechnik und Digitalisierung sind nur einige der Themen, mit denen sich die Fachkräfte von morgen beschäftigen werden.
Harald Buschmann meint: „Wer sich heute mit den Berufsbildern im Handwerk auseinandersetzt, ist oft überrascht, wie vielfältig und anspruchsvoll die Möglichkeiten sind. Herz, Hand und Verstand verbinden sich hier in hervorragender Weise.“
Dabei betrifft der digitale Wandel längst nicht nur einzelne Berufe. In praktisch allen Handwerksbereichen schreitet die Digitalisierung voran. Das traditionelle Bild vom Handwerker, der ausschließlich mit Muskelkraft arbeitet, hat mit der Realität moderner Ausbildungsberufe nur noch wenig zu tun.
Tischler starten mit dreiwöchigem Lehrgang
Wie wichtig eine gute Begleitung am Anfang der Ausbildung ist, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Erbach. In den Werkstätten der Kreishandwerkerschaft am Haus des Handwerks hat diese Woche zum Ausbildungsbeginn ein dreiwöchiger Lehrgang für angehende Tischler begonnen.
Die jungen Menschen erhalten dort eine grundlegende Einführung in ihre Lehrzeit und werden mit den besonderen Anforderungen ihres Gewerks vertraut gemacht. Die Initiative soll den Übergang von der Schule in die berufliche Praxis erleichtern und einen erfolgreichen Start in die Ausbildung ermöglichen.
Bäcker und Fleischer suchen dringend Nachwuchs
Nicht alle Gewerke können sich allerdings über einen ausreichenden Zulauf freuen. Besonders schwierig ist die Nachwuchsgewinnung im Lebensmittelhandwerk. Bäcker und Fleischer haben große Mühe, junge Menschen für ihre Berufe zu begeistern.
Das ist nicht nur aus Sicht der Betriebe problematisch. Mit jedem fehlenden Nachwuchs droht auch ein Stück regionaler Handwerks- und Alltagskultur verloren zu gehen. Die Ursachen liegen dabei tiefer und sind keineswegs ein ausschließliches Problem des Odenwaldkreises. Veränderte Konsumgewohnheiten und gesellschaftliche Entwicklungen spielen ebenso eine Rolle wie teilweise negative Vorstellungen von bestimmten Berufen.
„Wenn wir im Lebensmittelhandwerk keinen Nachwuchs finden, geht mehr verloren als nur ein Arbeitsplatz. Es geht auch um einen wesentlichen Teil unserer Kultur,“ so Harald Buschmann.
Auch Maler, Zimmerer und verschiedene Berufe des Bauhandwerks stehen vor Herausforderungen. Neben der Entfernung zur Berufsschule erschweren teilweise Vorurteile die Suche nach Auszubildenden. Dabei würden gerade diese Berufe vielfältige und anspruchsvolle Perspektiven bieten.
Handwerk ist mehr als ein Arbeitsplatz
Die Diskussion über Ausbildungsplätze greift deshalb zu kurz, wenn sie nur auf einzelne Berufe und deren aktuelle Nachfrage schaut. Das Handwerk bietet jungen Menschen die Möglichkeit, unmittelbar etwas zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen und am Ende des Tages zu sehen, was durch die eigene Arbeit entstanden ist.
Gerade im ländlichen Raum kommt ein weiterer Faktor hinzu: Handwerksbetriebe sind häufig eng mit ihrem Umfeld verbunden. In vielen Orten gehören sie seit Generationen zum gesellschaftlichen Leben. Sie bieten Ausbildungs- und Arbeitsplätze, engagieren sich in Vereinen und unterstützen ehrenamtliche Initiativen.
Diese Nähe schafft Vertrauen und erleichtert den Kontakt zu jungen Menschen. „Fast in jedem Dorf gibt es noch Handwerksbetriebe. Sie sind nicht nur Arbeitgeber, sondern ein wesentlicher Teil des Zusammenlebens,“ ist Buschmann überzeugt.
Odenwaldkreis als Chance für junge Menschen
Der Odenwaldkreis verfügt dabei über einen besonderen Standortvorteil: eine hohe Identifikation der Menschen mit ihrer Heimat. Die Verbindung aus Lebensqualität, Natur- und Kulturlandschaft sowie einer engen gesellschaftlichen Vernetzung kann dazu beitragen, junge Menschen langfristig für ein Leben und Arbeiten in der Region zu gewinnen.
Das Handwerk könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Wer einen Beruf sucht, der praktische Arbeit mit Technik, Kreativität, Verantwortung und persönlicher Entwicklung verbindet, findet hier zahlreiche Möglichkeiten.
Die Botschaft an Jugendliche fällt deshalb eindeutig aus: Wer einen Ausbildungsplatz sucht, sollte nicht darauf warten, dass eine passende Stelle ausgeschrieben wird. Der direkte Weg zum Betrieb kann sich lohnen. Ein persönliches Gespräch kann der erste Schritt in eine erfolgreiche berufliche Zukunft sein.


